Homeoffice-Steuer von Deutsche Bank gefordert?! Ein Kommentar

Homeoffice-Steuer von Deutsche Bank gefordert?! Ein Kommentar

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Irgendwie leben wir ja alle in unserer ganz eigenen Blase. An verschiedenen Themen wird das gerade mal wieder deutlich. Eins davon: Corona, klar. Das hat auch einen Autor aus der Forschungs- und Trendabteilung der Deutschen Bank zum Nachdenken inspiriert. Leider kommt er aus seiner Blase dabei nicht heraus.

Luke Templeman hat einen Aufsatz geschrieben für das Magazin »Konzept« von »Deutsche Bank Research«. Die Ausgabe heißt » What we must do to rebuild« und sammelt Ideen, wie es nach Corona weitergehen könnte – wirtschaftlich und gesellschaftlich.

Titel des Aufsatzes von Luke Templeman: » A work-from-home tax«, also: Steuern aufs Home Office (hier ab Seite 32 können Sie den Aufsatz lesen).

Vorweg sei gesagt, dass es Herrn Templeman nicht um Corona-Zwangs-Home-Office geht. Er macht sich Gedanken über die Zeit nach Corona. Denn unbestritten stellen gerade viele Firmen fest, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeit auch zuhause tatsächlich arbeiten. Und besagte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen die Freiheiten, die das Home Office bietet, zu schätzen. Bei der Schreiberin dieser Zeilen läuft zum Beispiel im Hintergrund die Waschmaschine.

Jetzt wäre es – aus Mitarbeiterinnensicht – natürlich schön, wenn das nach Corona so weiterginge. Kein langes Pendeln, und der Kaffee ist zuhause auch besser.

Herr Templeman kommt zu der Ansicht, dass Menschen, die von zuhause arbeiten, relativ viel Geld sparen und nicht mehr viel zur wirtschaftlichen Infrastruktur beitragen.

Logische Folge: Eine Steuer muss her. 5% des Jahresbruttos für jeden »Work from Home«-Tag stellt er sich vor. Er rechnet vor, dass Leute, deren Arbeit es zulässt, dass sie im Home Office arbeiten, durchschnittlich 40.000 Euro verdienen. Pro Tag im Home Office sei dann eine Steuer in Höhe von 7,69 Euro fällig. Das entspricht in seiner persönlichen Vorstellung dem, was dieser Arbeitnehmer bzw. diese Arbeitnehmerin sonst pro Tag für Pendeln, Mittagessen, Wäsche usw. (»commuting, lunch, and laundry etc.«) ausgegeben hätte. Also quasi ein Nullsummenspiel für die Betroffenen. Das so eingenommene Geld soll dann den weniger Privilegierten, deren Jobs in der Regel kein Home Office zulassen, zugute kommen.

Tief durchatmen und daran denken, dass es verschiedene Blasen gibt...

Wir leben alle in unserer eigenen Welt, und die Gegebenheiten und Möglichkeiten dort können sehr unterschiedlich sein.

Ich zum Beispiel arbeite seit Mitte März von zuhause. Bin ich froh, dass das in meinem Job geht? Ja. Weiß ich, dass es anderen (auch in dieser Hinsicht) schlechter geht? Ja. Habe ich Familie und Freunde mit Jobs, die kein Home Office zulassen? Ja. Sind diese Leute weniger privilegiert? Kommt auf den Job an :)

Hier ein kleiner Blick in meine persönliche Blase, ausgehend von den Posten »Pendeln, Mittagessen, Reinigung«:

  • Wenn nicht gerade Corona ist, fahre ich mit dem ÖPNV in den Verlag. Vierzig Minuten morgens, vierzig Minuten abends. Dass das wegfällt, ist der größte Gewinn! Mein Jahresabo für die Monatskarte habe ich trotzdem noch, denn auch ohne Büro muss ich gelegentlich irgendwie von A nach B kommen.

  • Mittagessen, das waren bisher Reste vom Vortag, denn bei uns gibt es keine Kantine. Jeden Tag essen gehen? Excuse me, Mr Templeman? Bisschen teuer... Da hat sich nichts geändert bei mir.

  • Reinigung / Wäsche waschen: Herr Templeman trägt, so stelle ich mir das bei einem Bank-Mitarbeiter vor, vermutlich einen Anzug zur Arbeit und jetzt im Home Office Jogginghose und Kapuzenpullover. Da spart er natürlich Reinigungskosten. Und wenn er seine Oberhemden auch in die Reinigung gebracht hat, spart er noch mehr. Ich hingegen bin zuhause so gekleidet wie früher im Büro: Jeans, T-Shirt, Pullover. Einziges Zugeständnis: Hausschuhe statt Sneaker.

Spare ich durchs Home Office Geld? Nein.

Gebe ich vielleicht sogar mehr Geld aus als früher? Ich habe Angst vor der nächsten Stromrechnung, Gasrechnung und Wasserrechnung. Das wird ein teures Jahr. Außerdem habe ich mir einen Schreibtisch gekauft. Im Sommer habe ich mich ab und zu tatsächlich mit Kolleginnen und Kollegen in einem Restaurant zum Mittagessen getroffen. Und: Da ich jetzt tagsüber zuhause bin, wurden hier kürzlich die Fenster von einem Profi geputzt, den ich sonst nicht beauftragt hätte.

Was ich in den letzten Monaten gespart habe, war Corona geschuldet: Kein Urlaub, kaum Kneipenbesuche, keine Konzerte. Aber darum geht es Herrn Templeman (zu Recht) nicht.

Wer soll profitieren?

Das durch die Steuer eingenommene Geld soll weniger privilegierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zugute kommen.

Das finde ich jetzt vom sozialen Aspekt her gar nicht so verkehrt. Begünstigt werden sollen, so die Idee, die unteren 12%, deren Lebensstandard einem Einkommen von 12.600 Euro pro Jahr entspricht, bzw. das wird dann an die Haushaltsgröße angepasst. Sie sollen 1.538 Euro erhalten.

Ich bin ja grundsätzlich immer bereit, mich sozial zu beteiligen. Aber warum wird die Beteiligung auf Jobs beschränkt, die man von zuhause erledigen kann? Warum beteiligt sich eine Hirnchirurgin nicht daran, die ein Vielfaches von dem verdient, was ich bekomme, und natürlich nicht zuhause am Küchentisch operieren kann? Warum soll eine schlecht bezahlte Projektassistentin, die gerne mal von zuhause arbeitet, dafür finanziell bestraft werden?

Was soll das?

Der Aufsatz wirft gleich mehrere Fragen auf. Zum Beispiel: Wenn ich schon die wirtschaftliche Infrastruktur kaputtmache, warum werden dann meine Home-Office-Steuern nicht dort re-investiert? Also zum Beispiel in die Dönerbude in der Nähe meines Arbeitsplatzes? Und: Wenn ich im Home Office so viel Geld spare, dann gebe ich das ja wahrscheinlich an anderer Stelle aus? Es wandert sozusagen von der Dönerbude zum Fensterputzer?

Irgendwie klingt das (wenn auch entfernt) nach einer Argumentationshilfe für die Einführung eines Grundeinkommens – über das man ja diskutieren kann – und Herr Templeman hat jetzt einen eleganten Finanzierungsansatz gefunden. Meint er. Ist aber nicht so.

 

tl;dr

Ein Banker fordert für die Zeit nach Corona eine Steuer auf jeden im Home Office verbrachten Tag. Der Grund: Erstens spart man dabei viel Geld, zweitens macht man die wirtschaftliche Infrastruktur kaputt. Ist aber gar nicht so, jedenfalls nicht bei jedem. Das hat der Banker leider nicht bedacht.

(Maike Backhaus)

 

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