Steuererklärung mit einem Klick: Warum Prüfen trotzdem wichtig bleibt
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Eine vorausgefüllte Steuererklärung kann ein sinnvoller Ausgangspunkt sei, insbesondere für sehr einfache Fälle. Als pauschale Ein-Klick-Steuererklärung wird sie der Realität des Steuerrechts jedoch nicht gerecht. Denn bei der Steuererklärung kommt es nicht nur darauf an, wie schnell sie erledigt ist – sondern ob sie vollständig, korrekt und finanziell optimal ist.
Zusammenfassung
Eine vollständig vorausgefüllte Steuererklärung birgt finanzielle Risiken. Die MeinELSTER+ App berücksichtigt bei okELSTER nur die beim Finanzamt bereits vorhandenen Daten und lässt individuelle Angaben wie Werbungskosten oder Sonderausgaben außen vor. Nutzer könnten wichtige Steuervorteile verpassen, wenn sie sich auf die Ein-Klick-Lösung verlassen, ohne alles gründlich zu prüfen. Für eine vollständige und optimale Steuererklärung bleibt gründliche Eigeninitiative unerlässlich.
Inhalt
MeinELSTER+ App: Was sie kann – und was nicht
Seit 50 Jahren sind wir Experte für Steuern und private Finanzen, seit über 30 Jahren entwickeln und vertreiben wir die Software SteuerSparErklärung zur Erstellung von Steuererklärungen.
Unser Anspruch war und ist es, Steuerpflichtige dabei zu unterstützen, ihre steuerlichen Pflichten korrekt, transparent und zu ihrem finanziellen Vorteil zu erfüllen. Vor diesem Hintergrund sehen wir die neue 1-Klick-Steuererklärung (MeinELSTER+ App) der Finanzverwaltung kritisch. (Informationen zur MeinELSTER+ App in der Mitteilung des Finanzministeriums Bayern: »Steuererklärung per App mit einem Klick startet bundesweit am 1. Juli» vom 13.2.2026)
Die Finanzverwaltung wirbt damit, dass künftig nur ein kurzes Drücken auf dem Smartphone ausreichen soll, um die Steuererklärung zu erledigen (okELSTER). Seit dem 31. März 2026 können sich ledige, kinderlose Angestellte sowie Rentnerinnen und Rentner, die neben der Rente keine weiteren Einkünfte haben (zum Beispiel aus Vermietung), in der MeinELSTER+ App für die Steuererklärung per App mit einem Klick anmelden. Ab Juli sollen diese ausgewählten Nutzergruppen von den Finanzämtern eine fertige Steuererklärung und eine Vorschau auf den Steuerbescheid mit ihren bei den Finanzbehörden bereits vorhandenen Steuerdaten erhalten, die mit nur einem Klick bestätigt und abgesendet werden können.
Was auf den ersten Blick komfortabel klingt, birgt bei näherer Betrachtung erhebliche Nachteile.
Steuerrecht ist individuell – nicht pauschal
Das deutsche Steuerrecht ist komplex und lebt von individuellen Lebenssachverhalten. Die von der Finanzverwaltung bereitgestellte Erklärung basiert ausschließlich auf Daten, die bei den Finanzbehörden bereits vorhanden sind. Das sind in der Regel Lohn-, Renten- und Versicherungsdaten. Viele steuerlich relevante Informationen liegen dem Finanzamt jedoch nicht vor: So können etwa berufsbedingte Fahrtkosten, Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer oder außergewöhnliche Belastungen nur dann berücksichtigt werden, wenn sie aktiv erklärt werden.
Zwar heißt es, Änderungen oder Anpassungen seien selbstverständlich vor Versand jederzeit möglich. Die Erfahrung zeigt jedoch: Wer eine fertige Steuererklärung erhält, geht eher davon aus, dass diese vollständig und korrekt ist – und verzichtet auf eine vertiefte Prüfung.
Gefahr finanzieller Nachteile
Das Verfahren ist nicht unumstritten. Auch die Lohnsteuerhilfen warnen bereits vor finanziellen Einbußen und weisen darauf hin, dass es sich »möglicherweise [lohnt], mehr Arbeit zu investieren« (Quelle).
Diese Einschätzung teilen wir. Eine Steuererklärung ist kein Verwaltungsakt ohne Gestaltungsspielraum, sondern ein Instrument zur Wahrung der eigenen finanziellen Interessen. Wer sich auf eine stark vereinfachte Lösung wie okELSTER verlässt, riskiert, legitime Steuervorteile nicht zu nutzen.
Digitalisierung braucht Transparenz
Wenn der bayerische Finanzminister von einem »Meilenstein in Sachen Digitalisierung und Nutzerfreundlichkeit der Steuerverwaltung« spricht und davon, dass Millionen Steuerpflichtige ihre Erklärung einfach, sicher, unkompliziert und direkt vom Smartphone aus erledigen könnten, dann greift diese Darstellung zu kurz.
Denn: Digitale Steuerangebote sollten nicht nur Prozesse beschleunigen, sondern auch dabei helfen, steuerliche Zusammenhänge nachvollziehbar darzustellen. Nur so können Steuerpflichtige fundierte Entscheidungen treffen.
Die Wahrheit über die 1-Klick-Steuererklärung
Die neue 1-Klick-Steuererklärung vermittelt den Eindruck, dass die Einkommensteuer für viele Menschen vollständig automatisiert erledigt werden kann. Tatsächlich ist das Verfahren für bestimmte Konstellationen sehr praktisch. Es stößt aber schnell an Grenzen, sobald individuelle Lebens- und Einkommensverhältnisse ins Spiel kommen.
Für wen 1 Klick wirklich reicht
Die 1-Klick-Steuererklärung ist vor allem auf sehr einfache Steuerfälle zugeschnitten. Dazu gehören zum Beispiel alleinstehende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohne Kinder, ohne weitere Einkünfte und ohne besondere steuerliche Sachverhalte.
Liegen dem Finanzamt alle relevanten Daten bereits elektronisch vor und gibt es keine zusätzlichen Abzugsmöglichkeiten, kann die vorausgefüllte Erklärung eine zeitsparende Lösung sein.
5 Fälle, in denen 1-Klick Geld kostet
Sobald die persönliche Situation vom Standardszenario abweicht, steigt das Risiko, steuerliche Vorteile zu verschenken. Typische Beispiele sind:
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höhere Werbungskosten (z.B. Fahrtkosten, Arbeitsmittel, Fortbildungen),
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Aufwendungen für haushaltsnahe Dienstleistungen oder Handwerkerleistungen,
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außergewöhnliche Belastungen wie Krankheitskosten oder Pflegekosten,
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Sonderausgaben, etwa für Vorsorge oder Spenden,
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einmalige Ereignisse wie Abfindungen, Arbeitsplatzwechsel oder doppelte Haushaltsführung.
Diese Angaben sind dem Finanzamt in der Regel nicht automatisch bekannt und bleiben ohne aktive Prüfung unberücksichtigt. Und: Mit genau diesen Positionen lassen sich Steuern sparen!
Warum vorausgefüllt nicht gleich optimal ist
»Vorausgefüllt« bedeutet in erster Linie, dass bekannte Daten übernommen werden. Es bedeutet nicht, dass die Erklärung vollständig oder steuerlich optimal ist.
Die Struktur der 1-Klick-Erklärung kann zudem dazu verleiten, die Angaben als abschließend korrekt zu betrachten.
In der Praxis sinkt damit die Bereitschaft, Positionen zu hinterfragen oder gezielt nach Ergänzungen zu suchen, obwohl genau hier der Gestaltungsspielraum der Einkommensteuer liegt.
Was das Finanzamt nicht wissen kann
Das Finanzamt kennt Lohn-, Renten- und bestimmte Versicherungsdaten.
Es kennt jedoch nicht die konkreten Lebensumstände, beruflichen Veränderungen oder privaten Belastungen eines Steuerjahres. Diese Informationen liegen ausschließlich bei den Steuerpflichtigen selbst.
Eine Steuererklärung erfüllt ihren Zweck daher nur dann vollständig, wenn diese individuellen Aspekte bewusst geprüft und – falls relevant – ergänzt werden.
Fazit
Die Ein-Klick-Steuererklärung kann für sehr einfache Steuerfälle eine Erleichterung darstellen. Eine vollständige und individuell optimierte Steuererklärung setzt jedoch weiterhin voraus, dass Daten geprüft, ergänzt und bewusst eingeordnet werden. Vereinfachung ersetzt nicht in jedem Fall fachliche Auseinandersetzung.
Wir bieten dafür seit nunmehr 50 Jahren Support, Kundenservice, Entwicklung und Inhalte an und meinen: Erfahrung kann nur durch noch mehr Erfahrung ersetzt werden – nicht durch unrealistische Vereinfachungen der realen Situation der Kunden.
(MB)