Tomatis-Therapie ist keine außergewöhnliche Belastung

Tomatis-Therapie ist keine außergewöhnliche Belastung

 - 

Die Kosten für einen Tomatis-Therapie können in der Steuererklärung nicht als außergewöhnliche Belastungen geltend gemacht werden. Der Fall hätte aber auch anders ausgehen können – wenn sich die Betroffenen rechtzeitig um ein ärztliches Attest gekümmert hätten.

Im entschiedenen Fall litt das Kind der Kläger an einer krankhaften Überempfindlichkeit gegen Schall (sog. Hyperakusis).

Der behandelnde HNO-Arzt schlug vor, eine Hörtherapie nach Tomatis bei einem entsprechenden Institut durchzuführen. Nach der Behandlung bescheinigte der HNO-Arzt den Erfolg der Therapie.

Was ist die Tomatis-Therapie?

Die Tomatis-Therapie wurde von dem französischen Arzt Alfred A. Tomatis entwickelt. Es handelt sich um eine »Horch-« und Hörtherapie, die sich mit der Interaktion von auditiven, phonatorischen und psychischen Prozessen beschäftigt.

Sie dient der Behandlung eines weiten Spektrums des Funktions- und Gleichgewichtssystems und gehört rechtlich zu den komplemetärmedizinischen Behandlungsmethoden.

Da weder die Krankenkasse noch die Beihilfestelle zur Kostenübernahme bereit waren, machten die Kläger die Kosten i. H. v. 4.027,60 Euro in ihrer Steuererklärung im Rahmen der außergewöhnlichen Belastungen geltend.

Das Finanzamt erkannte die Kosten nicht an, da die Kläger weder ein vor Beginn der Therapie ausgestelltes amtsärztliches Gutachten noch eine vorherige ärztliche Bescheinigung eines medizinischen Dienstes der Krankenversicherung vorlegen konnten.

Dagegen wehrten sich die Kläger. Sie erklärten, die Tomatis-Therapie sei eine wissenschaftlich anerkannte Methode zur Behandlung des Krankheitsbildes ihres Kindes, und verwiesen auf eine Vielzahl von Fachstudien, die insbesondere auf der Internetseite www.tomatis.com veröffentlicht seien, eine veröffentlichte Studie mit insgesamt 12 hörbeeinträchtigten Kindern sowie die Befundberichte des behandelnden HNO-Arztes.

Gericht: Tomatis-Therapie ist keine wissenschaftlich anerkannte Behandlungsmethode

Das FG Niedersachsen folgte der Auffassung der Kläger nicht. Zur Begründung stützte es sich im Wesentlichen auf eine im Klageverfahren eingeholte Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Diese war zu dem Ergebnis gekommen, dass es bis zum Streitjahr (2017) und darüber hinaus bis heute keine relevanten wissenschaftlichen Arbeiten dazu gibt, ob die Tomatis-Therapie zur Behandlung speziell einer Hyperakusis geeignet ist.

Daraus schloss das Finanzgericht, dass die große Mehrheit der einschlägigen Fachleute diese Behandlungsmethode nicht befürwortet und über die Zweckmäßigkeit der Therapie kein Konsens besteht. Zudem gebe es über Qualität und Wirksamkeit der Methode keine zuverlässigen, wissenschaftlich nachprüfbaren Aussagen. Der Erfolg der Therapie lasse sich im Ergebnis nicht aus wissenschaftlich einwandfrei durchgeführten Studien über die Zahl der behandelten Fälle und die Wirksamkeit der Methode ablesen. Es sei auch nicht ersichtlich, dass die Tomatis-Therapie in einer für die sichere Beurteilung ausreichenden Zahl von Behandlungsfällen erfolgreich gewesen sei.

Vor der Therapie ausgestelltes Attest ist Pflicht

Bei einer solchen wissenschaftlich nicht anerkannten Behandlungsmethode muss ein vor Beginn der Therapie ausgestelltes amtsärztliches Gutachten oder eine vorherige ärztliche Bescheinigung eines medizinischen Dienstes der Krankenversicherung vorliegen. Dies war hier nicht der Fall – der HNO-Arzt des Kindes hatte nur den Behandlungserfolg nach der Therapie bescheinigt (FG Niedersachsen, Urteil vom 11.6.2020, Az. 9 K 182/19).

Relevanz des Urteils

Das FG Niedersachsen geht davon aus, dass das Urteil über den Streitfall hinaus eine gewisse Breitenwirkung haben wird:

  • Die Tomatis® Methode ist weltweit in 75 Ländern vertreten.

  • Mehr als 2.000 Lehrer und Therapeuten sind als Tomatis® Trainer/Consultants durch die einzige offizielle Organisation TOMATIS DEVELOPPEMENT S.A. zertifiziert.

  • Auch in Deutschland gibt es eine Vielzahl von Instituten und Trainer, die sich auf die Tomatis-Therapie spezialisiert haben.

auch interessant:

(MB)

Weitere News zum Thema

  • Arbeitsunfähigkeit sofort dem Arbeitgeber melden

    [] Die Arbeitsunfähigkeit muss dem Arbeitgeber unverzüglich mitgeteilt werden. Gegebenenfalls kann eine verspätete Mitteilung auch arbeitsrechtliche Konsequenzen haben. Dabei gelten allerdings bei einer lang andauernden Erkrankung und den damit zusammenhängenden Folgemeldungen der Arbeitsunfähigkeit (AU) weniger harte Maßstäbe als bei der ersten Meldung. mehr

  • Krankenkasse muss für stationäre Behandlung zahlen

    [] Wenn sich Krankenkasse und Krankenversicherung um die Angemessenheit einer Behandlung und die Übernahme der Kosten streiten, hat das für Versicherte zwar direkt keine Folgen. Denn egal wie der Streit entschieden wird: Der betroffene Versicherte selbst wird nicht zur Kasse gebeten. Indirekt geht es bei solchen Streitigkeiten aber oft um die Rechte aller Versicherten. mehr

  • Nach dem Krankenhaus den Übergang mitgestalten

    [] Seit 2004 gibt es Fallpauschalen: Für einen Patienten, bei dem eine Blinddarm-OP vorgenommen wird oder bei dem eine künstliche Hüfte eingesetzt wird, erhalten die Krankenhäuser überall das Gleiche, egal wie lange ein Patient im Krankenhaus bleibt. Das setzt Anreize für eine frühzeitige Entlassung aus dem Krankenhaus. mehr

  • Privates Krankentagegeld darf bei Auslandsaufenthalt wegfallen

    [] Gut verdienende Arbeitnehmer, die sich für ein privates Krankentagegeld entschieden haben, sollten während des Leistungsbezugs in jedem Fall auf einen Auslandsurlaub verzichten. Mehr noch: Sogar ein Inlandsurlaub kann den Leistungsanspruch gefährden. Das gilt auch, wenn der Urlaub bei der Versicherungsgesellschaft angemeldet und vom Hausarzt befürwortet wurde. mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Steuertipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Steuertipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.