Neue Regeln für Organspenden?

 - 

In Deutschland warten etwa 10.000 Schwerkranke auf ein neues Organ. 2017 gab es allerdings nur knapp 800 Spender. Das ist der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Deshalb wird aktuell über neue Regeln für Organspenden diskutiert.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn möchte bei Organspenden eine Widerspruchslösung einzuführen. CDU, SPD und Grüne begrüßen den Vorstoß. Kritik kommt von der katholischen Kirche und dem Deutschen Ethikrat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel befürwortet angesichts niedriger Organspendezahlen in Deutschland eine grundlegende Debatte über mögliche Neuregelungen des Entscheidungsverfahrens. Sie finde es richtig, dass eine solche Debatte im Bundestag geführt werde, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Daran werde sich Merkel mit Interesse beteiligen, fügte er hinzu, ohne Angaben zur Position der Kanzlerin zu machen. Er verwies darauf, dass Merkel mehrfach für Organspenden geworben und die niedrige Spendenbereitschaft beklagt habe.

Doppelte Widerspruchslösung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte sich zuvor für eine Neuregelung ausgesprochen: eine doppelte Widerspruchslösung. Demnach würde zunächst jeder als Organspender gelten, es sei denn, er oder Angehörige widersprechen. Bisher ist die Entnahme von Organen nur mit ausdrücklicher Zustimmung möglich.

SPD-Vize-Fraktionschef Karl Lauterbach begrüßte den Vorstoß von Spahn für eine Widerspruchslösung: "Ich bin ein klarer Befürworter der Widerspruchslösung". Es sei eine Schande, dass zurzeit so viele Menschen unnötig litten, weil keine Organe für sie vorhanden seien. Die niedrige Zahl von Organspendern in Deutschland nannte der SPD-Politiker eine "medizinische Tragödie".

Auch die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock sprach sich dafür aus, dass Bürger künftig automatisch Organspender sind, wenn sie oder Angehörige nicht widersprechen. Viele Menschen seien auf Nachfrage bereit, nach ihrem Tod Organe zu spenden, es scheitere aber in der Praxis, etwa am Organspendeausweis.

Ethikrat spricht von Organabgabepflicht

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, kritisierte das Plädoyer von Spahn für eine Widerspruchslösung scharf. Solch eine Regelung würde einen "fundamentalen Paradigmenwechsel" darstellen. Die bisherige Organspenderegelung habe den Charakter von Freiwilligkeit und wohltätiger Solidarität mit Schwerkranken. Mit der Regelung, bei der jeder Spender sein soll, solange er nicht widerspricht, müsste man von "Organabgabepflicht" statt von Organspende sprechen.

In diesem höchst persönlichen Bereich eine Abgabepflicht einzuführen, widerspreche dem Geist, mit dem Gesetzgeber und Gerichte bisher die Verfassung ausgelegt hätten.

Akt von hohem moralischem Wert

Die katholische Kirche lehnt die vorgeschlagene Widerspruchslösung ebenfalls ab. Aus ihrer Sicht gebe es erhebliche ethische Bedenken bei der Widerspruchlösung, teilte die Deutsche Bischofskonferenz mit. Prinzipiell befürworte die Kirche Maßnahmen, die die Bereitschaft zur Organspende erhöhen sollen. Allerdings solle eine Grundsatzdebatte über die Systemfrage einschließlich der Widerspruchslösung nicht an erster Stelle stehen denn es sei eine Erkenntnis aus anderen Ländern, dass allein die Umstellung auf die Widerspruchslösung nicht zu mehr Organtransplantationen führe.

Insgesamt werte die katholische Kirche die Organspende positiv, sie sehe in der Organspende "einen Akt von hohem moralischen Wert und eine besondere Form des Zeugnisses der Nächstenliebe über den Tod hinaus". Die bestehende Regelung der Entscheidungslösung gewährleiste eine freie und informierte Entscheidung und respektiere das Selbstbestimmungsrecht. Diese Regelung könne auf Verbesserungen hin überprüft werden.

Weitere News zum Thema

  • Lebendorganspende: BGH bestätigt strengste Aufklärungsvorgaben

    [] Lebendorganspenden sind in Deutschland wohl besonders durch die Nierenspende von Frank-Walter Steinmeier an seine Ehefrau bekannt geworden. Solche Organspenden sind – auch um einen Organhandel zu verhindern – nur für eine besonders nahestehende Person zulässig. mehr

  • Unfall: Wann die Berufsgenossenschaft leistet

    [] Ist es nun ein Missgeschick oder ein Unfall? Wer will das im Einzelfall entscheiden? Doch wenn es um Leistungen der Berufsgenossenschaft geht, dann muss diese Entscheidung getroffen werden, denn sie zahlt nur, wenn es sich um einen Unfall handelt. mehr

  • Nicht bloß Rollstuhlfahrer sind außergewöhnlich gehbehindert

    [] Knapp acht Millionen schwerbehinderte Menschen gibt es in Deutschland. Ihnen wurde ein Grad der Behinderung (Gdb) von mindestens 50 zugestanden. Doch es geht nicht nur um den GdB, strittig sind häufig auch die Merkzeichen, die auf dem Schwerbehindertenausweis eingetragen werden, etwa das Zeichen "aG", die Abkürzung für außergewöhnliche Gehbehinderung. Hiermit hat man u.a. besondere Rechte beim Parken. mehr

  • Eingewachsene Zehennägel: Kasse zahlt keine Fußpflege

    [] Mit eingewachsenen Zehennägeln – meist geht es um den dicken Zeh – ist nicht zu spaßen. Im Frühstadium reichen vielleicht Hausmittel zur Behandlung. Doch oft ist die professionelle Hilfe eines Podologen (medizinische Fußpflege) notwendig. Die Kosten der medizinischen Behandlung – etwa mit einer Nagelkorrekturspange oder auch durch eine kleine Operation – übernimmt die Krankenkasse jedoch nur dann, wenn sie von Ärzten vorgenommen wird. Dies hat das Bundessozialgericht (BSG) anders als die Vorinstanzen entschieden (Az. B 1 KR 34/17 R). mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Steuertipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Steuertipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.