Was Politiker von Redakteuren lernen können

Wir Redakteure geben uns immer größte Mühe, das Steuerrecht in verständliche Worte zu packen. Uns wird eingeimpft:

  • Kein Fachchinesisch!
  • Keine Schachtelsätze!
  • Macht übersichtliche Listen!
  • Kurze Absätze!
  • Schreibt Beispiele!
  • Sagt Euren Kunden, was das Urteil/Gesetz/etc konkret für sie bedeutet!

Da Sie als Leser dieses Blogs ja wahrscheinlich schon seit langen Jahren Fan meines Arbeitgebers sind und mindestens ein Produkt abonniert haben *hüstel*, wissen Sie das natürlich längst. Warum erzähle ich Ihnen das also?

Weil sich die Uni Hohenheim und das Communication Lab in Ulm mit der Sprach-Diarrhoe der Wahlprogramme beschäftigt haben. Und zu dem Ergebnis kamen: Igitt. Das ist ja einigermaßen unverständlich. Meistens jedenfalls. Hier eine Zusammenfassung, übernommen von der Webseite des Communication Lab:

  • Mit 11 Punkten wurde das Programm der Grünen als das verständlichste gewertet.
  • Mit nur 6,5 Punkten war das Wahlprogramm der Linken das Schlusslicht.
  • Dazwischen lagen SPD (10,5), CDU/CSU (8,6) und die FDP (8,4).

Zum Vergleich: politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erreichen einen Durchschnittswert von ca. 4,5, ein politischer Beitrag bei Bild-Online erreicht im Durchschnitt 16,8 Punkte.

Warum schneiden die Wahlprogramme so schlecht ab? Nun ja, lassen Sie es mich so sagen: Es sind die klassischen Anfänger-Fehler:

  • zu lange Sätze,
  • zu viele Schachtelsätze,
  • zu viele unverständliche Wörter
  • und sogar mehrdeutige Formulierungen.

Was macht ein Redakteur in einem solchen Fall? Richtig, er kürzt seinen Text bis zur Verständlichkeit. Das haben auch die Parteien versucht. Und siehe da: Es hat funktioniert. Die Ergebnisse der neuen Studie, schreibt Spiegel online, zeigen: Die Parteien haben dazugelernt, die Kurzprogramme sind einfacher zu lesen.

Warum also nicht gleich so? Ich bin sicher, wir könnten hier ein Schulungsprogramm aufstellen für Politiker: Wie schreibe ich ein verständliches Wahlprogramm? Ein Wochenend-Workshop für Politiker jeder Couleur. (Und das wird dann auch deren letztes Fremdwort gewesen sein.)

Noch was fürs Auge: Wahlprogramme: Wortwolken und Wichtigtuer (Spiegel online)

6 Kommentare zu “Was Politiker von Redakteuren lernen können”

  1. Beutler 12 September 2009 at 20:59 #

    Sehr interessant. Nur fürchte ich, Sie haben da am falschen Fleck eingehakt. Auch Sie dürften wissen, dass Wahlprogramme NIE eingehalten werden. Also ist es zweitrangig, wie deren Inhalt formuliert ist. Beispiel: Trotz der anscheinend miserablen Formulierungen im Wahlprogramm hat die Linke bei den letzten Landtagswahlen kräftig zugelegt!

    Wesentlicher wären klare Formulierungen z.B. bei Bedienungsanleitungen von Elektronischen Geräten. Einen ähnlichen Fall erlebte ich erst kürzlich bei einem als Bausatz gelieferten Möbel. Die Anleitung hatte vermutlich die gleiche Person geschrieben, die das Möbel entworfen hatte und damit sowieso schon alles wusste. Der Aufbau des Möbels gelang erst nach Zuziehung eines gelernten Schreiners!

    Tschüss.

  2. Maike Backhaus 14 September 2009 at 19:58 #

    Sie haben Recht, der Wahrheitsgehalt der Programme ist ein weiteres Problem. Aber vielleicht werden die Aussagen durchschaubarer, wenn sie nicht mehr so verschwurbelt daherkommen? Und es fällt mehr Wählern auf, dass die Vorschläge nie und nimmer durchgesetzt werden (können)?

  3. Teriet 22 September 2009 at 8:39 #

    Schauen Sie mal bei der HSP Horst Schlämmer Partei vorbei.
    http://www.waehlt-Schlaemmer.de

    Einfacher geht es nicht. 18% würde er bekommen, wenn er wählbar wäre!
    Motto: Was die anderen nicht wissen, weis ich besser!

    MfG
    Werner Teriet

  4. Dieter Lenzkes 22 September 2009 at 8:54 #

    Hallo Maike,
    Vielleicht fällt es den Politikern dann selber auf, dass ihre Vorschläge nie und nimmer durchgesetzt werden können! Aber darum geht es garnicht. Um möglichst viele Leute zu erreichen muss man möglichst viele (leere) Versprechungen machen damit jeder etwas für sich findet. Dann müssen möglichst viele Hintertüren eingebaut werden, damit man hinterher die Nichteinhaltung der Versprechungen mit dem geringst möglichen Gesichtsverlust begründen kann.
    Vor diesem Hintergrund ist die Strategie der Wahlprogamme gar nicht so schlecht. Es geht eben nicht darum einen Sachverhalt möglichst klar verständlich zu machen – glaubt der Politiker – sondern möglichst viele Emotionen zu wecken. Das Ergebnis ist dann allerdings die allgemeine Politikverdrossenheit. Das Wahlvolk ist anscheinender doch intelligenter als die Politiker glauben.
    Dieter Lenzkes

  5. ernst albus 22 September 2009 at 9:54 #

    Sie haben beide irgendwie Recht…In fast allen (gedruckten, aber auch
    gesprochenen) Lebensbereichen mangelt es mittlerweile an Klarheit, bedingt durch den schleichenden Verfall-Prozess unserer Sprachkultur.

    Natürlich wäre es sinnvoll(er), Wahlwerbung verständlich(er) zu
    formulieren, nur ist das kaum machbar bei den Themen unserer Zeit. Da wird zwangsläufig vereinfacht und das führt konsequent zum Frust der Wähler.

    Komplexe Inhalte für den Normalbürger erfordern andere Maßnahmen wie z. B. eine laufende öffentliche Information und “Schulung” des Volkes zu Themen wie “Kommunale Finanzierung” oder unser “Subventionssystem”.

    Daran kann ein Politiker kein wirkliches Interesse haben, weil sonst zu
    viele plötzlich begreifen würden, dass wir schon längst am Ende der Fahnenstange hängen.

    Ein (virtuelles) Bild für Deutschland:

    Der Michel wollte ja schon immer mit den ganz Großen mithalten können.
    Jetzt hängt er im 157. Stock in New York – wo sonst ? – an seiner Fahnen-
    stange und versucht verzweifelt zurück zu krauchen, nachdem er sich einmal nur ein bißchen zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte und gerade noch geistesgegenwärtig seinen Absturz verhindern konnte.

    Die Fahnenstange ist sehr biegsam und unser wohlgenährter Michel schafft
    es gerade mal, sich daran festhalten zu können, mehr geht nicht und hofft
    jetzt auf ein Wunder…(vom Himmel hoch oder so ähnlich… :-) ) .

    Nur, keiner weiß eine Lösung wie unser Michel da oben gerettet werden
    könnte. Geht ein Retter mit an die Stange, bricht sie ab…Mit dem Hub-
    schrauber, ja das ginge vielleicht, aber Michel kann sich nicht hier und
    nicht dort gleichzeitig festhalten. Also – doch Absturz – nur etwas später??

    Die Zeit drängt aber…Irgenwie muss der Michel vorerst abgesichert
    werden! Ein Hubschrauber stabilisiert die Fahnenstange, die sich mittlerweile bedenklich nach unten gebogen hat und Michel hing
    schon am Knauf – mit einem am Hubschrauber fixierten Seil und Michel
    konnte sich auch wieder etwas bequemer “aufhängen”, indem er mit Müh’ und Not noch seine Beine zu Hilfe nahm. So kann er es noch eine Weile aushalten, der Arme…

    Dann, endlich die Idee!! Ein Auffangkorb muss her…Aber woher jetzt einen
    nehmen, den man an den Hubschrauber hängen kann und mit einer passenden Größe und Stabilität. So ein (auf)-fallender Michel ist schließlich kein Leichtgewicht!!

    Natürlich erfordern solche schrittweisen Lösungen erhebliche Ressourcen.
    Aber keine Bange, das deutsche Volk will seinen Michel unbedingt wieder haben und wird alle Lasten – wie immer – mittragen…

    Während nun diverse Abteilungen fieberhaft daran arbeiteten, einen Auffangkorb in der benötigten Ausführung irgendwo in der Welt zu ergattern, sorgte man sich mit Recht um das Durchhaltevermögen vom Michel.

    Deshalb bat man kurzfristig den Papst um geistigen Zuspruch, den dieser
    natürlich auch gab, obwohl Michel eher ökumenisch orientiert ist.

    Sollte das nun gar nicht helfen, auch gut, Michel hat mittlerweile Nachwuchs – die Micheline…Dann muss sie halt die Zukunft für Deutschland alleine in die Hand nehmen…

    Endlich finden die Politiker den rettenden Auffangkorb. Und man kann es
    kaum glauben, aber es ist wahr! In China haben die Körbe in allen
    Varianten und immer reichlich für alle möglichen Katastrophen.

    Nur hatte sich bisher nie die Gelegenheit für das chinesische Volk ergeben,
    auch den Deutschen mal aus der Patsche helfen zu können.

    Das war nun der große Moment der Wiedererneuerung der deutsch-chinesischen Freundschaft und gleichzeitig die poltische Rettung der deutschen Nation.

    ENDE der Geschichte – frei nach Ernst H. Albus 2009-09-22

    Nachwort
    ________

    So kann es gehen, wenn man sich zu weit aus dem Fenster lehnt, weil
    man den Bezug zur Realität verloren hat…

  6. Arnulf 22 September 2009 at 15:51 #

    Zwei Berufsgruppen sind inzwischen unglaubwürdig:

    1. Politiker
    2. Banker.

    Bei der letzten Bundestagswahl sagte die CDU 2% und die SPD 0% Mehrwertsteuererhöhung. Herausgekommen sind 3%. In den Jahren wo die Steuereinnahmen so reichlich geflossen sind wie nie zuvor seit bestehen der BRD wurde kein Euro an den Schulden getilgt. Ganz im Gegenteil wurden die Schulden immer mehr.

    Auch die seit Jahren fällige Steuerreform wurde immer wieder versprochen. Ergebnis gleich Null.

    Unsere Volksvertreter schwören doch: “Jeden Schaden vom Deutschen Volke abzuwenden”. Es müßte aber inzwischen lauten: “Das deutsche Volk wird für das Wohlergehen seiner Volksvertreter verplichtet”.


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