Selbstständig, Hartz IV und die Kirche im Dorf
Was passiert, wenn Sie jemandem erzählen, Sie seien selbstständig? Wahrscheinlich ernten Sie entweder Neid oder Mitleid. Von “Ja, ich würde auch gerne den ganzen Sommer tagsüber am Baggersee liegen” bis “Oh je, dann weiß man ja nie, was am Ende des Monats auf dem Konto ist” haben Sie vermutlich alles schon einmal gehört. Neu hinzukommen könnte jetzt: “Ach, und Hartz IV nimmste wohl auch noch mit?!”
Eine hässliche Reaktion, die ihren Ursprung in den Medienberichten der letzten Wochen haben dürfte. Denn plötzlich stand überall, dass immer mehr Selbstständige zusätzlich Hartz IV beziehen. Vor den Augen der Missgünstigen tauchten Männer mit protziger Uhr, Sportwagen, Villa und Hartz IV-Gier auf. Aber lassen wir doch einfach mal die Kirche im Dorf und schauen und das Zahlenmaterial der Bundesagentur für Arbeit (BA) genauer an. Die BA stellte fest:
2007 erhielten rund 75.000 Selbstständige Hartz IV-Leistungen, 2010 durchschnittlich 125.000. Im Februar 2011 zählte die BA noch rund 118.000 selbständige Aufstocker, also Selbstständige, die sich zum Teil selbst und zum Teil über Hartz IV finanzieren. Von diesen verfügten etwa 85.000 nur über ein monatliches Einkommen von weniger als 400 Euro, 25.000 verdienten bis zu 800 Euro, der Rest ein bisschen mehr.
Meine persönliche Meinung dazu lautet erstens: Leute, die den Sozialstaat beschummeln, gibt es überall. Sicher auch unter den Selbstständigen. Und zweitens: Hat schon mal jemand an die Finanzkrise gedacht, unter der vor allem kleinere Selbstständige ab 2008 zu leiden hatten? Könnte das nicht den Anstieg erklären? Ist es nicht auch so, dass sich viele Menschen notgedrungen selbstständig machen, und dann – hoffentlich nur anfangs, vielleicht aber auch über einen längeren Zeitraum – nicht von ihrem Unternehmen leben können? Was haben diese Selbstständigen denn für Alternativen? Einen Job als Angestellter bekommen sie nicht, also heißt es: entweder Selbstständigkeit, ggf. mit Aufstocken, oder gleich Arbeitslosigkeit. Dann bekommen sie auch irgendwann Hartz IV und haben es erst gar nicht versucht.
3 Kommentare zu “Selbstständig, Hartz IV und die Kirche im Dorf”
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Ich habe mich im April diesen Jahres endlich selbständig gemacht, da ich in mehreren Anstellungen über Zeitarbeitsfirmen nur ausgenutzt wurde. Und mit 49 ist es echt nicht leicht, eine Anstellung direkt zu finden, nur Teilzeit, Zeitarbeit…Nun bekomme ich zu meinen 580 € ALG I einen Gründerzuschuss von 300 €, der ja für die KV/PV draufgeht. Ich hoffe, ich muss kein Hartz IV irgendwann beanspruchen, aber wenn nichts mehr geht, werde ich diese Mlöglichkeit wohl in Betracht ziehen. Bis jetzt läuft es gut, toi, toi, toi…
Dafür wurden wir Selbständigen 2008 von der Politik bei der Krankenversicherung beschisssen, indem das Krankentagegeld einfach gestrichen wurde, Altverträge waren nichts mehr wert und seit 2009 kann ich – nur will mich keiner aufgrund meiner Vorerkrankung – gegen ein Schweinegeld Zusatzversicherungen abschliessen.
Ich hatte bereits 1979/80 einen Vertrag mit der AOK incl. KT, Beitrag 20,5% v. meinen Einnahmen vor Steuer, also Höchstbeitrag – als Selbständiger, der einfach gelöscht wurde und seither habe ich, inzwischen 60, die Arschkarte wenn ich krank werde. Und das für rd. 650 € Beitrag im Monat.
Und dann wird man noch von diesen Politikern verarscht, beschissen und zusätzlich diffamiert und als Betrüger bezeichnet.
Tolle Reformen!
@Schwabe
… aber was erwartet man denn von Politikern, die mangels Durchblick sich entschlossen haben, nur noch (wieder) gewählt zu werden? Die Bürger werden doch schon längst nur noch als Wähler und Konsumenten gesehen. Verantwortlich fühlt sich da niemand mehr, weder die Politik, noch der Öffentliche Dienst, noch die Unternehmen.
Kann man da was ändern?
Wie wär’s mal mit einer Revolution? z.B. Niemand kauft mehr ein Produkt, dass im Fernsehen oder in Zeitungen beworben wird.