Fußballzertifikate: Abgeltungsteuer verhagelt die Quoten

Sportwetten haben bekanntlich eher einen unseriösen Anstrich. Sich zwischen der für ein Wettbüro typischen Klientel herumzudrücken, ist dem Ansehen wenig förderlich.

Wer seinem Image eine Frischzellenkur verpassen möchte, verprasst sein Geld deshalb nicht beim Buchmacher, sondern geht als Spekulant an die Börse Berlin. Dort gibt es Fußballzertifikate zu kaufen. Die verstrahlen den Glanz einer Geldanlage, sind im Endeffekt aber nichts anders als eine Wette auf den künftigen Meister.

Der Vorteil gegenüber den üblichen Wetten: Die Papiere lassen sich jederzeit verkaufen; und so kann der „Investor“ von steigenden Quoten im Vorfeld des entscheidenden Spiels profitieren.

Der große Nachteil: Der Fiskus hält die Hand auf. Während Wettgewinne steuerfrei sind, handelt es sich bei den Gewinnen aus den Zertifikaten um Kapitalerträge, die der Abgeltungsteuer unterliegen. 26,4 % der Ausbeute (zzgl. Kirchensteuer sogar 27,9 %) behält die depotführende Bank direkt ein und leitet sie an das Finanzamt weiter. An einem Verlust beteiligt sich das Finanzamt hingegen nur, wenn Gewinne vorhanden sind, mit denen dieser verrechnet werden kann.

Alles in allem also ein schlechtes Geschäft, denn die Abgeltungsteuer verhagelt die Quote. Jeder erfahrene Wettfreund lässt deshalb die Finger von dem Angebot, pfeift auf das Image und geht lieber ins Wettbüro – oder macht seinen Einsatz einfach per Internet.

14 Kommentare zu “Fußballzertifikate: Abgeltungsteuer verhagelt die Quoten”

  1. Michael Santak 13 Mai 2009 at 14:16 #

    Völlig ungerecht, wie konnte Peer Steinbrück bloß die Zocker vergessen? Wenn einer mit Glück etwas gewonnen/erbeutet hat, soll er den Verlierern/Schmierestehern/Saufkumpanen doch wenigstens ein paar Jettons/Chips/Goldklumpen als Trink-/Schmerzensgeld abgeben. So ist es in diesen Kreisen doch wohl üblich. Die Beute wird mehr oder minder gerecht geteilt, wobei dem Boss/Paten/Anführer der größte Batzen gebührt und das ist ja wohl eindeutig Finanzchef Steinbrück/Raubritter Peer.

  2. Lehrerin 13 Mai 2009 at 19:19 #

    Ja, wenigstens die die armen Zocker sollte unser finsterer Finanzminister verschonen. Mit seiner fiesen Abzocksteuer entzieht er dem Markt mehr als ein Viertel seines Kapitals, das dann fein säuberlich in Konjunkturpakete verschnürt dem Kapitalmarkt wieder angedient wird. So erstrahlt zwar unser oberster Pfuinanzjongleur in glänzendem Licht, aber zaubern kann er schließlich auch nicht. Also: Lasst das Geld doch gleich dort, wo es hingehört – bei den konsum- und wettfreudigen Leuten.

  3. Integrator 14 Mai 2009 at 13:27 #

    Sportwetten scheinen ein vergleichsweise wenig manipulierbares Objekt der Spekulation zu sein, weil die Entwicklung des Basiswerts (der Ausgang des sportlichen Wettkampfs) nicht von der Meinung derjenigen abhängt, die in das Derivat (die Wette) investieren. Anders bei Futures, Optionsscheinen, Zertifikaten und anderen Derivaten, die den Kurs der Basiswerte (Aktien, Rohstoffe, Devisen) direkt beeinflussen und bei entsprechend hohem Einsatz auch in die eine oder andere Richtung drängen können. Das ginge bei Sportwetten nur mit Hilfe des Schiedsrichters, der manipulativ in das Spielgeschehen eingreift (Beispiel Herr Holzer). Solche Eingriffe sind durch Großinvestoren wie Banken, Fonds und andere Investmentgesellschaften im Börsenbereich durchaus nicht selten (Beispiel Hexensabbat).

  4. Christian Dülpers 15 Mai 2009 at 14:11 #

    “Pfuinanzjongleur” – sehr schön :)

  5. Michael Santak 21 Mai 2009 at 22:58 #

    Ob pauschale Abgeltungsteuer oder individuelles Halbeinkünfteverfahren bzw. (bei Haltedauer unter einem Jahr) individuelle Vollversteuerung: Die Grenzen zwischen Finanzmarkt und Glücksspiel scheinen zu bröckeln. Nicht umsonst spricht man von “Kasinokapitalismus” und von “Zockermentalität” – selbst bei seriösen Bankmanagern. Das sehe ich nicht unbedingt als verwerflich an. Aber ein paar Spielregeln müssen unbedingt eingehalten werden: absolute Transparenz aller Finanzprodukte, Eigenkapitalunterlegung von mindestens 20 Prozent bei allen Transaktionen und staatliche sowie medien-öffentliche Kontrolle aller Geschäfte. Die Risiken müssen überschaubar bleiben, sonst entwickelt sich die nächste Blase, die erneut im Chaos kulminiert. Irgendjemand muss beim nächsten Mal rechtzeitig die Alarmglocken läuten – seien es die Wirtschaftswissenschaftler, die Wirtschaftspolitiker oder die Wirtschaftsjournalisten. Sie alle haben in der aktuellen Immobilien- und Verschuldungskrise versagt. Konsumieren und zocken auf Pump darf es in diesem Ausmaß nie mehr geben.

  6. Lehrerin 24 Mai 2009 at 7:28 #

    Apropos Internet. Das Internet (sprich: die elektronische Informationsübermittlung) hat nicht nur den Markt der Wettbüros bis hin zu den Lottoannahmestellen verändert, sondern auch die Börsen und alle anderen Kapitalmärkte. Der Markt ist ein impulsiver Preisfindungsmechanismus. Er reagiert auf Impulse, die er in Form von Informationen erhält (dahinter stecken natürlich Käufer und Verkäufer, die auf Informationen reagieren). Da der Informationsstand der Marktteilnehmer nicht immer gleich ist, ebensowenig wie deren Interpretationen, kommt es zu den typischen Pendelbewegungen der Preisbildung bzw. der Kursentwicklung. Dazu hat die physikalische Chaosforschung sehr eindrucksvolle Experimente gemacht. Die Pendelbewegungen können nämlich dann, wenn die Impulse zu stark sind, um harmonisch auspendeln zu können, in chaotische Bewegungen ausschlagen. Das haben wir im Januar und im September 2008 an den Börsen erlebt. Diese tendieren zu Übertreibungen in beide Richtungen (derzeit wahrscheinlich nach oben).
    Da die Märkte von Informationen bewegt werden, kommt natürlich den professionellen Informationsvermittlern, also den Journalisten, eine große Verantwortung zu. Sie sollten dem Markt nicht nur hinterherlaufen, also informieren, sondern ihn auch mitgestalten, also recherchieren und kommentieren.

  7. Michael Santak 24 Mai 2009 at 9:08 #

    Informationen pulsieren über die Nervenbahnen in den Organismus der Wirtschaft.
    Ihnen folgen (hormongesteuert) die Geldflüsse über deren Blutkreislauf.
    Als die Nerven überreizt waren, kam es zum Schlaganfall und wegen der Kredit-/Fettsucht mit anschließender Finanzthrombose zum Kreislaufkollaps.
    Aber die Lage des Patienten hat sich dank der Finanzspritzen und Bluttransfusionen wieder stabilisiert.
    Wie fit der zunächst überfütterte und dann unterernährte Körper wieder wird, hängt vom Erfolg der Vertrauens-Rehabilitation ab.

  8. Integrator 31 Mai 2009 at 11:35 #

    Wenn wir hier schon ein Fachbereichs-Crossover machen:
    Spieltheoretisch handelt es sich um eine Entscheidungssituation, die dem Gefangenendilemma ähnelt. Jeder Spieler muss erraten, wie die anderen Spieler handeln werden. Diesem Haupttrend muss er folgen, um zu seinem Einsatz etwas hinzu zu gewinnen. Wer sich zu spät dem Trend anschließt, verliert seinen Einsatz oder zumindest einen Teil davon.
    Die Börse ist also die Suche nach dem “letzten Dummen”. Insofern gleicht sie einem Schneeballsystem. Solange es funktioniert, spielen alle mit. Wenn es nicht mehr funktioniert, heißt es: Rette sich wer kann. Wer zu spät aussteigt, verliert.
    Insbesondere gilt dies für Derivate, die lediglich Instrumente der Geldvermehrung bzw. Geldvernichtung darstellen. Den Käufern und Verkäufern geht es dabei nicht um die unterlegten Werte, die ja bestehen bleiben, während der Wert des Derivats auch vollständig verfallen kann.

  9. Lehrerin 1 Juni 2009 at 12:22 #

    Auf der Basis dieser beiden Theorien (Spieltheorie = Entscheidungspsychologie, Chaostheorie = nichtlineare Abläufe bzw. Marktmechanik) konstruiert die “Technische Analyse” ihre Prognose-Modelle. Diese wirken selbst erfüllend, weil sich viele Spieler daran orientieren. Deshalb trreten manchmal “verrückte” Phänomene an den Börsen auf: dass “schlechte” Nachrichten “gekauft” werden, also als Kaufimpulse wirken, oder dass “gute” Nachrichten zu Verkäufen führen, evtl. weil sie als Kontraindikatoren bewertet werden. Das hängt natürlich auch mit der “technischen” Verfassung der Börse laut Kostolany zusammen: ob sich die Aktien in den Händen der “Zittrigen” oder der “Hartgesottenen” befinden. Außerdem natürlich, ob die Börsen aktuell “überkauft” oder “überverkauft” sind. Dann erfolgt eine (oft nur kurzfristige) Gegenbewegung/Konsolidierung/Korrektur.

  10. Integrator 3 Juni 2009 at 10:32 #

    Die Prognosen der technischen Analyse ähneln doch oft den Bauernregeln bei der Wettervorhersage: “Solange der Kurs nicht fällt, steigt er weiter (the trend is your friend).” oder “Nach einer Überhitzung der Börse folgt eine Kursabkühlung.” Übrigens gibt es wie bei Fußballwetten nur drei Möglichkeiten: aufwärts (Sieg), seitwärts (unentschieden) oder abwärts (Niederlage).

  11. Michael Santak 4 Juni 2009 at 8:42 #

    @ Integrator vom 14. Mai 2009, zum Stichwort “Manipulation” war am 3. Juni 2009 in der F.A.Z. zu lesen (Seite 20): “Die Analysten stellen fest, dass Konjunkturdaten inzwischen meist als ‘gut’ oder ‘besser’ bezeichnet werden, wenn sie nicht so schlecht ausfallen wie zunächst erwartet. Dies sei vielfach das Ergebnis manipulierter Erwartungen, die von ‘Strippenziehern’ an der Wall Street gezielt erkoren und über die Medien transportiert würden. (…) Die Erwartungen würden über Prognosen mit dem Ziel gelenkt, positive Überraschungen auszulösen. (…) Zum Thema Manipulation heißt es ferner, in diese Kategorie falle auch die jetzt getroffene Entscheidung, mit Wirkung vom 8. Juni im Dow-Jones-Index für Industriewerte General Motors gegen Cisco Systems und Citigroup gegen Travelers Companies auszutauschen. Das Ausscheiden der beiden ‘dogs of the Dow’, was mit ‘Fußkranke’ übersetzt werden könnte, soll dem Index flottere Beine machen.” Der Punktestand eines Aktien-Indexes sagt also nicht alles über die fundamentale Verfassung der Realwirtschaft, wie die technischen Analysten unterstellen.

  12. Integrator 5 Juni 2009 at 9:21 #

    Die gravierendsten Kursmanipulationen geschehen durch Insider-Geschäfte (natürlich verboten, aber die Insider sind meist erfindungsreicher als die Fahnder). Das lässt sich bei Firmenübernahmen und Fusionen beobachten. Besonders krass ist das Beispiel von VW und Porsche, vor allem, weil nur wenige VW-Aktien frei verkäuflich, also im Streubesitz, sind und weil Porsche sowie Hedge-Fonds (und auch Milliardäre wie Adolph Merkle, den es viel Geld und sein Leben kostete) mit Verkaufs-Optionen spekulieren. Den nächsten Anstieg der VW-Aktie auf 1000 Punkte könnte es am Freitag, dem 19.6.2009, geben, wenn 670.000 Verkaufs-Optionen auf VW-Aktien fällig werden und einzudecken sind.

  13. Michael Santak 5 Juni 2009 at 11:02 #

    Vielleicht braucht Porsche dafür den KfW-Kredit über 1,75 Milliarden Euro?

  14. Lehrerin 8 Juni 2009 at 9:10 #

    Wenn die Politik das “VW-Sonderbesitzgesetz” trotz Verstoßes gegen EU-Recht nicht doch noch “gerettet” hätte, wären die Finanzspekulationen von Porsche möglicherweise aufgegangen. Hier spielte wohl der Staat den “Manipulator”.


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